Kein Wert an sich, aber eine wichtige Ressource

Myriam Mathys
·
14. August 2023
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Im Berufsleben schon viel Erfahrung zu haben – ist das ein Vor- oder ein Nachteil?

Je nach Perspektive könnte man sagen: Super, eine Sache ganz frisch betrachten zu können, weil man noch nie etwas ähnlichem begegnet ist, ist doch die beste Voraussetzung, um unvoreingenommen zu schauen und ganz genau für die Frage, die sich in diesem Augenblick stellt, einen passenden Lösungsansatz zu finden.

Umgekehrt kann man natürlich «alten Hasen und Häsinnen», denen nichts Zwischenmenschliches in der Arbeitswelt fremd ist, die sozusagen «alles» schon einmal erlebt haben, nichts mehr vormachen: vom unfähigen Chef über die unprofessionell gestaltete Firmenfusion bis zu strukturellen Entlassungen – das kennen sie alles schon. Und natürlich auch alles, was das nach sich zieht. Sie haben Erfahrung. Und müssen nicht zweimal denselben Fehler machen.

Hat beides was. Greift aber beides auch etwas zu kurz.

Warum? – Weil sich der Kontext ändert, also das Umfeld, die Situation, die Rahmenbedingungen, innerhalb derer etwas passiert.

Kürzlich hat sich ein potenzieller Kunde via LinkedIn bei mir gemeldet. Er sei 60 Jahre alt und ihm sei klar geworden, dass man heute als Berater nicht mehr einfach so weitermachen könne, wie bisher: In ein Unternehmen gehen und einfach nur sagen, was Sache ist und die Sache selbst an die Hand nehmen, das reiche heute nicht mehr aus. Und dass er sich neue Methodenkenntnisse aneignen müsse, um auch Teams und Gruppen in Veränderungsprozessen und in Entscheidungen, die sie betreffen, miteinbeziehen zu können.
Ich finde es natürlich super, dass sich diese Erkenntnis langsam verbreitet und habe den Auftrag, eine spezifische Retraite mit ihm und seinen Geschäftsleitungskollegen zu gestalten, sehr gerne angenommen!

Ja, der Kontext ändert sich. Und trotzdem sind Erfahrungen viel Wert. Wobei dies nicht ganz präzise ausgedrückt ist: denn es sind nicht die Erfahrungen an sich, sondern die Erkenntnisse, die man daraus gewonnen hat. Und das ist auch der springende Punkt.

Eine Erfahrung an sich ist ja nie wiederholbar. Wie jeder erlebte Augenblick nicht wiederholbar ist – alles verändert sich laufend. Eine Erfahrung allein bringt also noch keinen Nutzen. Es ist absolut entscheidend, in welchem Kontext sie stattgefunden hat und wie man das Erlebte selbst und im Austausch mit anderen im Nachhinein interpretiert. Darum ist die Reflexion über die eigenen gemachten Erfahrungen so zentral. Und das gilt nicht nur auf der persönlichen Ebene, sondern gerade auch für Unternehmen: Welche Erkenntnisse ergeben sich für uns daraus?

Das Gute ist, dass wir Erkenntnisse, die jemand aus Erfahrungen gewonnen hat, und die er oder sie mit anderen teilt, auch dann nutzen können, wenn wir selbst die betreffende Erfahrung gar nicht selbst eins zu eins gemacht haben. Das habe ich selbst immer wieder erfahren: wie oft habe ich von den Schilderungen  erfahrenerer Kolleginnen und Kollegen lernen können!

Und gleichzeitig ist der «frische Blick» so wichtig! – Meine ältere Kollegin und langjährige Kooperationspartnerin Jutta hat das sprachliche Talent, Menschen mit ihren Texten oder Worten wirklich berühren zu können. Sie sucht jedesmal wieder nach frischen Gedanken, um dasselbe (zum Beispiel die Anmoderation einer bewährten Übung oder eine Seminarausschreibung) immer wieder neu auszudrücken. Der „unvoreingenommene Blick“ ist also nicht einfach eine Frage des Alters. Man kann sich auch bewusst dafür entscheiden.

Ich selbst arbeite total gerne mit jungen Menschen zusammen, die erst ihre ersten oder zweiten Schritte im Berufsleben machen, die voller Ideen stecken und oft einfach mal machen, ohne sich erst doppelt und dreifach abzusichern. Ich empfinde das immer wieder als sehr inspirierend! Und es freut mich auch, dass sie meine Erkenntnisse annehmen und in ihr eigenes Ding einbauen.
Manchmal ist die Zusammenarbeit mit viel Jüngeren aber zugegebermassen, aber auch ganz schön «challenging»: Zum Beispiel wenn mir eine junge Kursteilnehmerin sagt, was für sie ein No-Go ist in einem meiner Seminare zu lange am Stück zuhören zu müssen.
Es erinnert mich daran, dass wir immer wieder bereit sein müssen, alte Gewohnheiten und Gewissheiten hinter uns zu lassen, neue Entwicklungen im Umfeld wahrzunehmen und darauf passende Antworten zu finden. Aber das war ja immer schon so…

Manchmal muss man lieb gewonnene Konzepte und Verhaltensweisen ganz bewusst loslassen, sie sozusagen ent-lernen, damit sich etwas Neues, Zeitgemässes entwickeln kann. Ein schönes Beispiel ist dafür die Moderationsmethode «Dynamic Facilitation», die so ganz anders funktioniert als «klassische Moderation», bei welcher der/die Moderator:in alles steuert und alles im Griff hat.

Ein gefestigtes Mindset zu verändern braucht Zeit und Übung. Sowohl beim Erlernen einer neuen Methode wie auch im richtigen Leben. Und es macht beides zum Glück auch Spass.

Herzliche Grüsse,

Myriam
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